Melancholie ist nichts für alte Weiber

Im Sommer sprechen alle vom Wetter. Es wird gejammert, geschwitzt, geplant und jede freie Minute unter blauem Himmel ausgekostet.

Es ist eine stressige Zeit, denn alles dreht sich um den Stand der Sonne. Ist das Wetter gut, ist es fast schon Pflicht, sein Leben gänzlich umzugestalten, um möglichst viel der kostbaren Sonnenstrahlen zu erhaschen. Regen lässt Launen sinken und Junkies auf Sonnenentzug entstehen. Aus wenigen Regentagen werden dann schnell mal gefühlte Wochen. Der Sommer ist überhaupt nicht entspannt. Er stachelt an und drängt zu permanenter Aktion. Sei es auch nur das ständige Wechseln vom Schatten in die Sonne und wieder zurück. Das scharfe und heiße Sonnenlicht scheint Haut und Hirn zu verbrennen.

 

Doch der Abschied vom Sommer fällt mir, wie jedes Jahr, unendlich schwer. Die Freibadsaison neigt sich dem Ende zu. Ich bin leidenschaftliche Schwimmerin und liebe es, unter freiem Himmel das kühle Nass zu genießen. Heute was es besonders schön. Ich betrat das Freibad kurz vor Toresschluss und hatte das große Schwimmerbecken die meiste Zeit für mich allein. Die glatte Wasseroberfläche und die schon sehr tief stehende Sonne versetzen mich immer wieder in eine wunderbar friedliche Stimmung. Die Bäume und Büsche stehen noch in saftigem Grün, bevor der Herbst die Blätter bunt färbt. Ich fühle mich wie verzaubert in dieser himmlischen Urlaubsoase. Das Wissen darum, dass diese Zeit nun fast schon wieder vorbei ist, stimmt mich melancholisch. Ich versuche die letzten wunderbaren Momente für immer einzufangen. Die Felder sind gemäht und nachts wird es schon wieder recht kühl. Ich sauge die letzten Sonnenstrahlen in mich auf und versuche sie für immer im Gedächtnis zu behalten. Wie soll ich diese ewig lange kalte und dunkle Winterzeit bloß überstehen? Das frage ich mich jedes Jahr und doch geht es dann irgendwie, denn jede Zeit hat Ihre Vorzüge und Schönes zu bieten.

Heute war ich lange im Wasser. Ich schwamm und legte mich danach einfach so auf den Rücken und ließ mich treiben, den Blick in den blauen Himmel gerichtet. Einzelne weiße Wölkchen zogen vorüber und Vögel streiften flatternd mein Blickfeld. Flugzeuge hinterließen Kondensstreifen. Die wärmende Sonne in meinem Gesicht und das kühle Nass an meinem Körper lassen mich in einen wundervoll entspannten und irgendwie zeitlosen Zustand eintauchen.

Diese Momente sollten nie enden und als eigenständige Jahreszeit gelten. Der Altweibersommer oder Indian Summer lässt unsere Seele aufatmen, unseren Körper auftanken und endlich Gelassenheit einkehren.

Der Altweibersommer muss nichts beweisen. Er ist einfach da; sozusagen Feierabendwetter den ganzen Tag. Er gibt uns, was der Sommer erst am Abend vermag: Tiefe, angenehm wärmende Sonne, lange Schatten und ein Hauch von Gold über allem.

Bevor Herbst und Winter der Natur eine Pause verordnen, zeigt uns der Altweibersommer die Schönheit allen irdischen Seins mit seinen berühmten, warmen, satten und beruhigenden Farben. Das Licht sticht nicht unangenehm, sondern streichelt sanft über unsere Köpfe, während wir das Gesicht, in Träumen versunken, der wärmenden Quelle zuwenden. Nun ist es uns möglich loszulassen und einfach nur zu sein. Wir halten inne und quälende Gedanken verschwinden auf Nimmerwiedersehen.

Die Kostbarkeit des Lebens wird mir in dieser Zeit schmerzhaft bewusst. Vergänglichkeit und der nahende Herbstblues werden durch nächtliche Kühle und nasses Gras bis in die Mittagsstunden angekündigt.

Der Altweibersommer ist wie ein guter alter Bekannter, der uns jedes Jahr unerwartet und überraschend begegnet. Das Wiedersehen wird gebührend gefeiert und wir schwelgen in alten Erinnerungen. Doch dann steht er plötzlich auf, verschwindet fast unbemerkt und macht Platz für einen bunten und goldenen Herbst. Doch bis es soweit ist, werde ich diese Tage noch voll und ganz genießen und mich einfach fallen lassen in dieses wunderbare Gefühl der Wärme und Zufriedenheit.

 

Ich wünsche Ihnen eine tolle Zeit!

Marion Lindhof