Mündigkeit ein großes Wort

Lassen Sie sich das Wort „Mündigkeit“ bitte einmal auf der Zunge zergehen. Was fällt Ihnen als erstes dazu ein?

Genau, Sie haben Recht! Mündig werden wir mit 18 Jahren, wir erlangen mit diesem Alter die volle Geschäftsfähigkeit, Reife und Handlungsfähigkeit. Wir dürfen also selbstverantwortlich handeln und müssen niemanden mehr fragen.

Sind wir aber wirklich mündig? Handeln wir in vollem Bewusstsein eigenverantwortlich? Setzen wir uns für unsere Rechte ein?

Wenn ich so richtig darüber nachdenke, entspricht das in den wenigsten Fällen der Realität.

Setzen Sie sich bitte einmal auf eine Parkbank und beobachten die vorbeilaufenden Menschen. Was sehen Sie in deren Gesichtern? Ich beobachte Traurigkeit, Stress und Hektik. Die Menschen sehen unglücklich aus.

Wären wir alle wirklich mündig, dann könnten wir über unsere Zeit selbst bestimmen. Wir müssten nicht hetzen, bräuchten uns nicht ständig zu fürchten und Stress wäre ein Fremdwort. Wir wären glücklich und das würde sich auch in den Gesichtern widerspiegeln.

Doch die meisten Menschen wollen es immer allen recht machen. Wir erledigen brav die Aufgaben, die man uns auferlegt, obwohl wir genau wissen, wie unsinnig das ist. Wir sagen zu Vielem „Ja“, obwohl wir „Nein“ meinen. Wir schlucken runter, um bloß nicht aufzufallen. Nur nicht aus der Reihe tanzen.

Der Druck im Alltag und im Berufsleben, das Streben nach Perfektionismus und Harmonie lassen die Mündigkeit hinterfragen. Wir unterziehen uns nur allzu gern einer freiwilligen Zensur. Bloß nicht zu sehr kritisch mitdenken und auf keinen Fall die eigene Meinung vertreten. Denn das hätte zur Konsequenz, dass wir plötzlich im Fokus stünden und selbst eventuell unangenehme Kritik einstecken müssten.

Wir haben oft ein sehr großes Wissen, gute Kenntnisse und überzeugende Argumente, doch leider beschränken wir uns auf das einfache Funktionieren und ordnen uns artig den Hierarchien unter. Das Fehlen einer sachlichen und fairen Streitkultur macht uns unmündig. Dazu kommt, dass unser Verstand bewusst durch die Medien beeinflusst und vernebelt wird.

Mein Vater sagte letztens zu mir, dass alle Menschen, die sich ständig über ihr Unternehmen, ihre Chefs und schlechten Arbeitsbedingungen beklagen, selbst schuld seien. Er könne das ewige Klagen nicht mehr hören. Er war damals in der Gewerkschaft, zahlte seine Beiträge und diese Gemeinschaft hat sich für gute Arbeitsbedingungen eingesetzt. Das Motto „gemeinsam sind wir stark“ funktioniert auch heute noch. Die Lufthansapiloten sind ein gutes Beispiel. Wenn sich die Mitarbeiter zusammenschließen und gemeinsam an einem Strang ziehen und für ihre Rechte einsetzen, können sie eine Menge mehr erreichen.

Mein Mann arbeitet in der Pflege. Können Sie sie stöhnen hören, wie sie sich ständig beklagen? Geringes Gehalt, viel zu viel Arbeit und gestresstes Personal. Und das alles auf dem Rücken der armen Patienten. Doch verstehe ich nicht, warum sich Krankenschwester und Pfleger nicht zusammenschließen und gemeinsam für ihre Rechte einsetzen. Warum streiken sie nicht? Ein Streik deutschlandweit – Mitarbeiter aus allen Krankenhäusern und Pflegeheimen. Patienten werden unter Druck behandelt, es fehlt die Zeit, sich intensiv um sie zu kümmern. Es geht nur noch um das Erreichen von Umsatzzielen und Erhöhung der Gewinnspannen. Der Mensch ist in den Hintergrund getreten. Durchschleusen, was geht und möglichst schnell wieder entlassen, damit der nächste Patient Platz bekommt.  In Deutschland herrschen bei weitem die schlechtesten Bedingungen für Pflegepersonal. In anderen Ländern werden sie gefeiert und respektvoll behandelt. Warum nicht bei uns?

Es sind immer nur ein paar wenige Menschen, die den Mumm haben sich aufzulehnen und für ihre Rechte einzutreten. Die Angst blockiert und lässt uns resignieren und in alten Strukturen verharren.

Das Altbekannte und Vertraute hat ja auch seine guten Seiten, auch wenn es eigentlich schlecht und nicht gut für uns ist und wir uns beklagen. Wir kennen es und müssen uns auf nichts Neues einstellen. Das wäre anstrengend und wir müssten unsere Komfortzone verlassen.

Wir sind alle Individuen und jeder einzelne ist besonders, richtig und wichtig. Wir sind alle mündig und sollten uns auch so verhalten. Das Aufschauen auf vermeintliche Hierarchien und das Übernehmen der Denkweise von anderen, ohne zu hinterfragen, lässt uns zu Schafen werden. Schafe, die lediglich dem Leithammel folgen.

Marion Lindhof